Archivalie der Woche 329 - Reisebericht eines Emigranten
Am heutigen 9. November gedenken wir aller Opfer des Nationalsozialismus. Dies waren diejenigen, die der Mordmaschinerie zum Opfer fielen, aber auch die, die ihre Heimat verloren. Einer von diesen war der jüdische Limburger Heinz Rosenthal, der die Erlebnisse der Flucht 1937 niederschrieb. Der Bericht liest sich wie ein Ferienausflug. Dennoch wird er sich bewusst gewesen sein, dass er großer Gefahr entronnen war, wenn auch zu diesem Zeitpunkt die sogenannte „Reichskristallnacht“ und die „Endlösung“ noch in der Zukunft und wohl auch außerhalb des Vorstellungsvermögens der Betroffenen lagen.
Interessant ist der Kontakt der zu diesem Zeitpunkt emigrierten Limburger in der Ferne untereinander und die gegenseitige Unterstützung.
(Rechtschreibung und Zeichensetzung entspricht dem Original)
Ein Reisebericht von Limburg-New-York
Limburg-L., den 11. Sept. 1937
Wir fuhren am 21. Juni 1937 Montags abends um 10 ½ Uhr Limburg ab, mit dem Triebwagen nach Koblenz, da hatten wir 2 Stunden aufenthalt 2 ¾ Uhr fuhren wir mit dem Wiener Zug in Koblenz ab. Dann fuhren wir den Rhein entlang bis Herbestal, da war die belgische Grenze, es war jetzt morgens 6 Uhr. Jetzt ging es weiter bis nach Brüssel, in Brüssel mussten wir umsteigen und mussten 15 Minuten auf den anderen Bahnsteig gehen. Dann ging s weiter mit dem Expresschnellzug nach Antwerpen in 20 Min. da waren wir morgens um 8 Uhr, Kaisers holten uns am Zug ab, es war sehr früh für Sie gewesehen, dann fuhr ich mit Vater in die Stadt, und gingen auf ein Büro mit Sally Kaiser, in der Stadt hatten wir uns verfahren aber wir kamen noch richtig an, Mutter Walter und Lilli blieben bei Kaisers im Bahnhof sitzen, nach 2 Stunden fuhren wir Morgens um 10 Uhr in Antwerpen ab und fuhren nach Gent da musten wir wieder umsteigen und fuhren nach Ostend in Ostende hatten wir unsere 8 Koffer auf das Schiff gebracht und gingen essen in die Stadt dann gingen wir auf unser Schiff und fuhren nach Dover, es schon 5 Uhr das Kanal Schiff hatte 2 Stunden gedauert. In Dover war eine schwere Zollkontrolle gewesen, da hatten wir ½ Stunde aufenthalt. Jetzt fuhren wir mit einem langem Zug nach London es war abens um 10 Uhr gewesen, in London wurden wir von Fassbenders abgeholt: Hugo Julius Und Max (Schnorres) Fassbender. Die Cunard Linie hatte ein Auto, mit diesem wurden wir in ein Hotel gebracht, da aasen wir zu nacht und gingen wir in das Bett. Am anderen Morgen gingen wir auf ein Cunard Büro, da hatten wir Edith Liebmann und Robert Sternberg angerufen, aber sie kamen uns nicht besuchen dann gingen wir in das gröste Museum der Welt da war es wunderbar gewesen, dann gingen wir heim essennach dem essen fuhren wir bei Fassbenders, die hatten uns zum Kaffee eingeladen, da musten wir 1 ½ Stunden mit Subway fahren bis wir das waren. Anna hatte uns 5 Maal pfotografiert und schikte uns auch die Bilder. Abens um 6 Uhr fuhren wir wieder zu unserem Hotel, als wir gegessen hatten besichtigten wir uns die Königskrönung, das war wunderbar gewesen. Da gingen wir wieder in unser Hotel, heute abend hatten wir keinen besuch gehabt, dann gingen wir in unser Bett, am anderen morgen fuhren wir um ½ 8 Nach dem Waterloo Bahnhof, auf diesem Bahnhof trafen wir Barth Leo und Frau, die fuhrem auch auf diesem Schiffe, Schiffsbericht nächste Seite.
HEINZ ROSENTHAL
Einer der im Text Genannten, Sally Kaiser, hatte Limburg mit seiner Frau Elise geb. Sternberg bereits 1933 verlassen und war zu seinen Töchtern nach Belgien gegangen. Das Ehepaar wähnte sich in Sicherheit, doch wurden sie 1943, während der deutschen Besetzung des Landes, von der Gestapo verhaftet, zunächst in Mechelen interniert und schließlich am 19. April 1943 nach Auschwitz deportiert. Sofort nach der Ankunft wurden Sally und Elise Kaiser ermordet, ein Jahr später erging es ihrer Tochter Gerda Dua und Schwiegersohn Hermann Marx ebenso. Die zweite Tochter Toni Marx musste im Frühjahr 1945 von Auschwitz aus auf einen Todesmarsch gehen, durch den sie schließlich nach Ravensbrück gelangte. Hier wurde sie am 4. Mai 1945 befreit. Sie starb 1977 in Belgien. An Familie Kaiser erinnern heute Stolpersteine vor dem Haus Diezer Straße 13.
09.11.2025