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Limburg erinnert an die Opfer der NS-Zeit

In zwei Etappen sind in Limburg 15 neue Stolpersteine verlegt worden. Die Stolpersteine erinnern an Opfer des Nationalsozialismus. Am Mittwoch, 9. November, wurden Steine zum Gedenken an jüdische Opfer verlegt, bereits am Samstag waren Steine für Opfer verlegt worden, die von den Nationalsozialisten aufgrund ihrer Erkrankungen ermordet wurden. Dabei wurden auch Stolpersteine in Staffel und Offheim verlegt.

84 Jahre nach dem 9. November 1938, als auch in Limburg jüdische Einrichtungen und Wohnungen oder Häuser Ziel von Angriffen wurden und die Synagoge auf der Schiede in Flammen aufging, erinnerten Stadtarchivar Dr. Christoph Waldecker, Vertreterinnen und Vertreter der jüdischen Gemeinde, Auszubildende der Stadt sowie Bewohnerinnen und Eigentümerinnen von Häusern, in denen einst jüdische Bürger lebten, mit der Verlegung von weiteren Stolpersteinen an acht jüdische Opfer.

Bereits am Samstag, als sieben Steine für NS-Opfer verlegt wurden, die aufgrund ihrer Erkrankungen ermordet wurden, machte Bürgermeister Dr. Marius Hahn auf die Notwendigkeit aufmerksam, der Opfer zu gedenken. „Es darf nicht in Vergessenheit geraten, wie grausam das Leben von Menschen beendet wurde, die zusammen mit unseren Vorfahren in dieser Stadt lebten. Ich bin überaus dankbar, dass sich die Stadtverordnetenversammlung 2013 einstimmig dafür ausgesprochen hat, mit Stolpersteinen die Erinnerung zu bewahren“, sagte Hahn.

Für Josef Erbach, der in seinem Heimatort Offheim die Verlegung von zwei Stolpersteinen begleitete, ist Erinnerung notwendig. Bevor Steine verlegt werden, ist die Biografie derer zu erarbeiten, deren Name und wichtige Lebensdaten dann auf den Steinen wiedergegeben werden. Die von Stadtarchivar Waldecker und Martina Hartmann-Menz zusammengetragenen biografischen Angaben sind natürlich viel umfangreicher als die Daten auf den Steinen und werden bei der Verlegung vorgelesen. „Mir waren die Personen und ihre Schicksale nicht bekannt, das geht bestimmt vielen Offheimern so“, verdeutlichte Erbach.

Die NS-Zeit überlebt

In der Fahrgasse 2 erinnern zwei Steine an die Geschwister Johanna und Alfred Hirsch, Kinder des jüdischen Ehepaares Moses Aron Hirsch und seiner Frau Johanette Hirsch. Johanna war geistig behindert und wurde am 22. März 1942 nach Izbica im besetzten Polen deportiert, wo sie vermutlich ermordet wurde. Das Amtsgericht Koblenz erklärte sie 1954 mit Datum 31. Dezember 1945 für tot. Alfred Hirsch, geboren am 14. September 1900, besuchte ab 1910 das Gymnasium und arbeitete als Kaufmann. Er überlebte zwei KZ-Aufenthalte in Dachau und Buchenwald. Nach seiner Freilassung wohnte er von Januar bis April 1939 mit seiner behinderten Schwester Johanna zusammen. Am 5. April 1939 verließ er seine Geburtsstadt und gab als Ziel China an. Es war für ihn möglich, ohne Visum nach Shanghai zu reisen. Nach dem 2. Weltkrieg lebte Alfred Hirsch in den USA.

An der Schiede 39 erinnert ein Stein an Johanna Sonnenberg, die 1932 von Frankfurt nach Limburg gezogen war. Ende 1938 musste Johanna Sonnenberg die Stadt verlassen und kehrte nach Frankfurt zurück. Von Frankfurt aus wurde sie zu einem unbekannten Zeitpunkt an einen unbekannten Ort deportiert. Rosa Stiefel stammte aus Thüringen und lebte seit 1903 in Limburg. Zwischen 1908 und 1910 brachte sie drei Töchter zur Welt, von denen die jüngste als Säugling starb. Im Oktober 1935 übersiedelte Rosa Stiefel nach Frankfurt. Von dort wurde sie am 22. November 1941 nach Kowno in Litauen deportiert, wo sie vermutlich kurz nach der Ankunft ermordet wurde. Das Amtsgericht Limburg erklärte sie 1965 für tot. Ihre Tochter Ilse wurde von Darmstadt aus vermutlich nach Treblinka deportiert und dort ermordet. An sie erinnert ein Stolperstein in Offenbach. Die älteste Tochter Erna heiratete 1941 in Gelsenkirchen Erwin Levy. Das Ehepaar wurde am 27. Januar 1942 nach Riga deportiert. Sie überlebten. Erna Levy nahm 1989 an der Besuchswoche ehemaliger jüdischer Mitbürger teil und starb 2010 im Alter von 101 Jahren in Chicago.

Erinnern an eine Familie

In der Ste.-Foy-Str. 13 erinnern vier Stolpersteine an Siegmund und Sabine Schaumburger sowie ihre Kinder Grete und Hans. Siegmund Schaumburger arbeitete als Viehhändler. Er war Soldat im 1. Weltkrieg. Er lebte mit seiner Familie in verschiedenen Städten und kehrte 1928 mit seiner Familie nach Limburg zurück. 1936 musste die Familie Limburg verlassen und ging nach Krefeld. Am 11. Dezember 1941 wurde Sigismund Schaumburger mit seiner Familie nach Riga deportiert. Dort kam er zu einem unbekannten Zeitpunkt ums Leben.

Seine Frau Sabine stammte aus Krefeld, wo sie Ende 1935 mit ihren Kindern in den Stadtteil Uerdingen zog, ihr Mann folgte kurz darauf. Nach der Deportation nach Riga überlebte sie offenbar das dortige Ghetto und wurde nach dessen Auflösung im KZ Riga-Kaiserwald ermordet. Tochter Grete Schaumburger überlebte die Deportation nach Riga und die NS-Zeit. Nach dem zweiten Weltkrieg wanderte sie in die USA aus. Verheiratet war sie seit 1949 mit dem aus Nürnberg stammenden Otto Gardner. 1989 nahm sie am Besuch ehemaliger jüdischer Mitbürger in Limburg teil. Sie starb Mitte der 2010er Jahre in den USA. Ihr jüngerer Bruder Hans, Jahrgang 1930, kam in Riga zu einem unbekannten Zeitpunkt ums Leben kam.

Todesort Hadamar

Die Stolpersteine erinnern nicht nur an die jüdischen Opfer der Nationalsozialisten, sondern auch an politisch Verfolgte, an Gewerkschafter, an Opfer aus religiösen Gründen oder an Menschen, die aufgrund ihrer Erkrankung ermordet. Bereits am Samstag fanden acht Stolpersteinverlegungen solcher Opfer statt.

In der Böhmergasse 2 erinnert ein Stein an Renate Brüggemann, geborene Fischer. Sie war von Geburt an geistig behindert. Aufgrund der Bestimmungen des Erbgesundheitsgesetztes wurde sie 1940 sterilisiert. Renate Fischer heiratete im September 1941 den 24 Jahre älteren Arbeiter Theodor Brüggemann, dessen Familiennamen sie fortan trug. Am 17. Oktober 1942 wurde sie in die Anstalt Hadamar eingeliefert und dort am 18. November 1942 im Alter von 22 Jahren ermordet. Als Todesursachen wurden angegeben: Herzschwäche und Verfall bei Geisteskrankheit.

In der Fahrgasse 6 erinnert ein Stolperstein an Eduard Melcher. Er stammt aus Solingen und kam im Dezember 1918 nach Limburg. Von 1924 bis 1941 lebte er in Diez, dann wieder in Limburg, zuletzt ab Januar 1942 im Haus Fahrgasse 6. Mit zunehmendem Alter hatte sich sein Geisteszustand offenbar verschlechtert, denn am 13. März 1943 wurde Melcher in die Heil- und Pflegeanstalt Hadamar eingewiesen. Hier fand er gut einen Monat später, am 14. April 1943, den Tod. Als Diagnose wurde „Altersblödsinn“ angegeben, als Todesursache eine Lungenentzündung.

Herzschwäche, Siechtum?

An Agnes Basquitt erinnert in der Rütsche 13 ein Stein. Als sie drei Jahre alt war, ließen sich ihre Eltern scheiden. Im Zusammenhang mit der Änderung des Familienstandes der Eltern wurde Agnes Basquitt am 6. November 1933 in der Heilerziehungsanstalt „Kalmenhof“ in Idstein untergebracht, wo sie einige Jahre lebte. Da die Akten der Einrichtung nach Kriegsende vernichtet wurden, sind weitere Informationen zu ihrem Leben in Idstein nicht vorhanden. Sie soll am 9. Dezember 1941 an „Idiotie“ und „Herzschwäche“ in Idstein gestorben sein. Mutmaßlich wurde sie in der „Kinderfachabteilung“ des Kalmenhofes ermordet.

In der Altstadt wurde im Haus Römer 3 Margarethe Hahn geboren. Früh verlor sie Vater und Mutter, sie bekam einen Vormund. Bei ihr war Epilepsie diagnostiziert worden und sie wurde von den Barmherzigen Schwestern im Heppelstift aufgenommen, 1915 kam sie ins St. Valentinushaus in Kiedrich. In einem Bericht von 1936 wird sie als leicht erregbar geschildert. Im Juni 1937 wurde sie in die Anstalt Weilmünster verlegt. Im Oktober 1944 folgte ihre Verlegung nach Hadamar, wo sie am 25. Oktober 1944 ermordet wurde. Als offizielle Todesursachen werden angegeben: Epilepsie, Daueranfälle, Herzschwäche und Status epilepticus. Sie wurde auf dem Anstaltsfriedhof beigesetzt.

Am Rossmarkt 25 erinnert ein Stolperstein an Margarete Adam, geborene Grill, Jahrgang 1913. Sie litt an einem Wolfsrachen und hatte deshalb einen Sprachfehler. 1938 heiratete sie den landwirtschaftlichen Arbeiter Heinrich Adam. Das Paar bekam zwei Kinder. Sie wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt in die Anstalt Eichberg im Rheingau eingewiesen. Dort kam sie am 1. Juli 1944 ums Leben. Als Todesursache wurde „Siechtum bei Lungentuberkulose“ angegeben.

Stolpersteine in Staffel und Offheim

In Staffel in der Haigerstraße 7 lebte Wilhelm August Heinrich Rosper, Jahrgang 1892. Der in Runkel geborene Rosper arbeitete als Schlosser und Kraftfahrer. Während des 1. Weltkrieges wurde er eingezogen. 1923 heiratete er Johannette Wies aus Staffel. Das Paar hatte eine Tochter. Spätestens ab 1943 zeigte August Rosper ein Verhalten, dass den Verdacht auf psychische Störung nahelegte. So schoss er etwa aus seinem Fenster, verstieß während des Luftalarms bewusst gegen die Verdunkelungsvorschriften oder gab überfliegenden Flugzeugen sogar Lichtzeichen mit einer Taschenlampe. Auch soll er unter Wahnvorstellungen gelitten haben. Im August 1943 wurde er in die Heilanstalt Weilmünster eingewiesen Am 13. Oktober 1944 kam er in die Heil- und Pflegeanstalt Hadamar. Dort wurde August Rosper am 10. Januar 1945 ermordet. Als Todesursache wurde „Geisteskrankheit und Schlaganfall“ angegeben.

Im Postweg 11 in Offheim erinnert ein Stolperstein an Moritz Egenolf, Jahrgang 1874, und Maler von Beruf. Egenolf wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt in die Dr. Wolff´sche Anstalt in Katzenelnbogen eingewiesen. Dort war er in Familienpflege untergebracht. Im Jahr 1938 wird die Anstalt aufgelöst und Egenolf kommt in die Anstalt Weilmünster, einer „Musteranstalt“ des Bezirksverbandes, in der die Kosten für die Unterbringung von Anstaltsinsassen besonders niedrig gehalten wurden. Erreicht wurde dieses Ziel durch ein Minimum an Betreuungspersonal, Überbelegung und Essensrationen, die das Überleben auf Dauer nicht sichern sollten. Nach einer Phase in der Anstalt Eichberg und der Diagnose „Schizophrenie“ kommt er im Oktober 1943 wieder nach Weilmünster. Am 5. März 1944 soll Moritz Egenolf um 17.45 Uhr in der Tötungsanstalt Weilmünster an „Altersschwäche“ gestorben sein. Mutmaßlich starb Moritz Egenolf an Hunger und Entkräftung. Moritz Egenolf wurde auf dem Anstaltsfriedhof in Weilmünster beerdigt. Sein Grab ist mit der Nummer 2364 bezeichnet.

Folgen einer Kriegsverletzung

In der Offheimer Obergasse 7 lebte der aus Dorndorf stammende Georg Bill, Jahrgang 1883. Bill verdiente sein Geld als Arbeiter und hatte mit seiner Ehefrau Margarete geb. Weimer ein Kind. Bill war Soldat im 1. Weltkrieg und wurde verwundet. In der Folgezeit zeigten sich Verhaltensauffälligkeiten. Die Wesensveränderungen und das sozial unangepasste Verhalten führten 1921 zu einer ersten Einweisung in die Universitäts-Nervenklinik in Gießen und schließlich zur Entmündigung. Weitere Einweisung folgten, in Hadamar wurde er 1932 dann dauerhaft untergebracht. Bill wird aufgrund einer Entscheidung des Frankfurter Erbgesundheitsobergerichts in Herborn zwangsweise sterilisiert und verbleibt fortan in Anstaltsunterbringung. Am 21. Juli 1941 wird er in die Tötungsanstalt Hadamar verlegt und soll dort am gleichen Tag in der Gaskammer ermordet werden. Mutmaßlich aufgrund seines Status als Kriegsteilnehmer des 1. Weltkrieges und weil er, wie es später im Sterbeeintrag vermerkt ist, als „Invalide“ geführt wird, erfolgt seine „Rückstellung“ von der Vergasung und die Überstellung nach Weilmünster. Bill lebt in der Anstalt Weilmünster noch weitere acht Monate unter den Bedingungen von Hunger und Vernachlässigung. Am 15. März 1942 um 13.30 Uhr soll er dort an „Marasmus bei chronischer Manie“ verstorben sein. Es ist davon auszugehen, dass Georg Bill an Hunger und Entkräftung gestorben ist.


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