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Die Ausstellung „Malerei 4.0“ ist noch bis Sonntag, 17. November, in den Kunstsammlungen der Stadt Limburg im Historischen Rathaus Fischmarkt 21 zu sehen. Künstlerin Charlie Stein beschäftigte sich in den 40 ausgestellten Bildern mit dem eigenen Ich im Zeitalter der neuen Medien. Im Interview spricht die Künstlerin über die dahintersteckenden Gedanken und Ideen.

Charlie Stein vor dem Porträt »With Green Tweedsuit«

Sind Sie zum ersten Mal in Limburg?

Stein: Ja.

Wie ist ihr Eindruck von der Stadt?
Stein: Es ist eine spannende Stadt mit dem Dom und der Altstadt. Für meinen Partner aus Australien ist das hier wie eine Filmkulisse.

Limburg hat ein ganz tolles Stadtbild. Es ist ein bisschen wie eine Zeitreise, wenn man die Architektur sieht, die vor hunderten von Jahren von Menschen bewohnt wurde und nun immer noch erhalten ist. Als Künstler fühlt man sich dabei ganz klein und fragt sich, ob die eigenen Arbeiten auch in 800 Jahren noch zu sehen sein werden.

 

Ihre Ausstellung beschäftigt sich mit Porträts. Früher wurden Porträts gemalt. Mit der Fotografie änderte sich dies. Welche Aufgabe hat Malerei für Sie vor dem Hintergrund der digitalen Fotografie?

Stein: Vor dem Hintergrund der Fotografie ist die Malerei meiner Meinung nach stärker geworden. Das ist ein bisschen wie mit dem Buch, was zum Zuge der Digitalisierung nicht von E-Books und PDFs verdrängt wurde.

In der Malerei erzeugt man eine Art Topografie. Man sieht die Pinselstriche, das Bild ist erfahrbarer als ein Foto. Auch erfordert die Malerei eine gewisse Zeit, anders als der Schnappschuss mit dem Smartphone.

 

Wie sind Sie auf die Idee gekommen Porträts mit Fotobearbeitungsapps zu verfremden?

Stein: Als die Bilder entstanden sind, habe ich gerade das sechsbändige Werk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust gelesen. Wie im Buch geht es auch in der Ausstellung darum, Zeit auszuhebeln. Die Idee war, mit digital erstellten Collagen eine Brücke zur traditionellen Malerei zu schlagen.

 

Wie genau sah Ihre Arbeit dabei aus?

Stein: Ich habe Selbstporträts mit Apps und Filtern auf dem Smartphone bearbeitet, als Collage zusammengefügt und dann mit Ölfarben auf Leinwände übertragen.

Warum haben Sie nur Selbstporträts genutzt?

Stein: Das Selbstporträt ist eine Kategorie des künstlerischen Schaffens und spielt auf Geniekünstler wie Picasso an. Weibliche Selbstporträts waren dagegen selten. Dem möchte ich etwas entgegensetzen und die Frage aufwerfen, ob die Idee vom Genie überholt ist und früher vielleicht nur der Ausdruck der herrschenden Machtverhältnisse war.

Außerdem rücke ich die Rolle der Frau in den Fokus und stelle die Frage, wie eine Frau in der Malerei gezeigt werden soll. Natürlich ist ein Augenzwinkern dabei: Die Porträts sind weder schön, noch klassisch.

 

Sind Sie auf den Porträts hässlich?

Stein: Das eigene Gesicht auf groteske Weise zu verändern, erzeugt eine Art der Freiheit von Konventionen, wie Frauen auszusehen haben. Wenn man den Wunsch abgelegt hat, schön zu sein, ist man theoretisch frei.

 

Was ist Ihr Lieblingsbild und warum?

Stein: Im Porträt „With Green Tweedsuit“ wird meine Idee am besten deutlich. Es ist sehr nah am klassischen männlichen Selbstporträt, die Balance zwischen den Verfremdungen ist da, obwohl Dinge gleichzeitig passieren, die nicht gleichzeitig passieren können.

 

In der Ausstellung sind komplett schwarze Bilder zu sehen.  Was hat es damit auf sich? 

Stein: Die Bilder sind Platzhalter für das ausgeschaltete Display und alles, was man nicht sieht. In den Bildern geht es nicht um mich, sondern um meine Auseinandersetzung mit den Themen.

 

Schwingt in Ihrer Arbeit Kritik an der Selfie-Kultur und den sozialen Medien mit?

Stein: Ich bin weder eine Verfechterin noch eine starke Kritikerin der sozialen Medien. Ich sehe aber eine Gefahr darin, wenn Menschen die Welt der sozialen Medien mit der echten Welt verwechseln. Anderseits finde ich es falsch, soziale Medien nicht zu nutzen, weil darüber wichtige Kommunikation stattfindet kann.

 

Haben Sie beim Aufenthalt in Limburg Eindrücke gesammelt, die sich nun in Ihrer Kunst verarbeiten werden?

Stein: Ganz bestimmt. Aktuell beschäftige ich mich mit dem Thema Künstliche Intelligenz und Zukunftsszenarien. Dazu stellt Limburg mit seiner langen Geschichte und der Altstadt, einen Gegenpol dar. Elemente aus diesem Spannungsfeld zwischen Historischem und Hypermodernen werden sicher auf die ein oder andere Weise Eingang in meine Arbeit finden.

Öffnungszeiten

Die Ausstellung „Malerei 4.0“ von Charlie Stein ist noch bis Sonntag, 17. November, im Historischen Rathaus zu sehen. Die Öffnungszeiten sind montags und dienstags von 8.30 bis 12 Uhr, mittwochs von 8.30 bis 14 Uhr, donnerstags von 8.30 bis 12 Uhr und von 14 bis 18 Uhr. Freitags, samstags, sonn- und feiertags ist die Ausstellung von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Charlie Stein

Charlie Stein (*1986)  beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit den unterschiedlichen Wahrnehmungen kultureller Identität im Kontext einer vermuteten globalen Gesellschaft. Ihr Material gewinnt sie häufig durch den Akt der Konversation oder Recherche, den sie in Zeichnungen, Installationen, Objekte, Malerei und Text überträgt. Digitale Medien, Soziale Netzwerke und moderne Formen der Kommunikation sind zentrale Aspekte ihrer Arbeit, die sie immer wieder neu verhandelt.

Nach dem Studium der freien Malerei und Grafik bei Gerhard Merz hat Stein bei Christian Jankowski Bildhauerei studiert und 2017 als Meisterschülerin abgeschlossen. 2015 war sie für das Schmidt-Rottluff Stipendium nominiert, ist ehemalige Stipendiatin des DAAD und der BW-Stiftung. 2019 erhielt Stein den Kunstpreis der Stadt Limburg.

Stein war mit ihrer Arbeit bei der Manifesta11 in Zürich, Blackball Projects in New York, im Songjiang Art Museum in Shanghai und während der Istanbul Bienniale 2017 verteten.

Charlie Stein lebt und arbeitet in Berlin.

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