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Der Mann ist ein Stück Zeitgeschichte und hat verschiedenen Kabinetten unter Bundeskanzler Helmut Kohl als Minister angehört. Seine Aussage „Die Rente ist sicher“ begleitet Norbert Blüm bis heute, auch in den Limburger Lesedom, den der ehemalige Minister für Soziales und Arbeit mit seiner Lesung am Donnerstagabend eröffnete.
Nachdem er aus seinem Buch vorgelesen hatte, signierte Norbert Blüm noch zahlreiche Bücher. Die Eröffnung des Limburger Lesedoms nutzte er für ein Plädoyer für Europa.
„Wir brauchen eine Bewegung für Europa. Nur gemeinsam sind Lösungen möglich.“ Norbert Blüm ist ein überzeugter Europäer, ein bekennender Gegner von Nationalismus und nationalstaatlichen Lösungen, die nur auf Ausgrenzung setzen. „Wenn alle first sind, gibt es kein first mehr“, brandmarkte er den Slogan des amtierenden US-Präsidenten Donald Trump, der stets sein „America first“ betont. Einmischung in die Weltpolitik aus dem kleinen Limburg? Keineswegs, Blüm ist weit entfernt davon, sich in die Tagespolitik einzumischen. Aber er hat eine Meinung – und die sagt er, wenn er es für notwendig erachtet.

Zur Eröffnung des Limburger Lesedoms hatte das Team um Kulturamtsleiterin Irene Rörig und Silvia Kremer, Leiterin der Dombibliothek, einen Autor nach Limburg in die WERKStadt Lounge geholt, der über viele Jahre die Politik in Deutschland mit geprägt hat. Nicht immer hat Blüm dabei Mehrheiten in seiner Partei, der CDU, und darüber hinaus gefunden, aber gerade das macht ihn ja authentisch und sympathisch. Limburgs Bürgermeister Dr. Marius Hahn bezeichnete es daher als große Ehre, Norbert Blüm als Autor anzukündigen, der mit einem interessanten Buch „Verändert die Welt, aber zerstört sie nicht“ nach Limburg gekommen sei. Hahn, der sich als konservativer Linker bezeichnete, zeigte sich gespannt darauf, was der linke Konservative Blüm mitzuteilen habe.

Hahn dankte in der von Nicole Frenken moderierten Eröffnung allen, die seit dem Jahr 2003 immer wieder den Limburger Lesedom ausrichten und dabei jedes Jahr rund 1000 kleine und große Gäste in die Welt der Bücher entführen. Der Lesedom als Bestandteil des vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst initiierten Literaturprojekts „Leseland Hessen“ wird zusammen von der Stadt und der Dombibliothek mit Unterstützung der Sparkassen Kulturstiftung Hessen-Thüringen, hr2 kultur und des Landes ausgerichtet; in Limburg unterstützen zudem verschiedene lokale Sponsoren das Projekt.

Die längste Wanderung: 30 Schritte

Blüm begann seine Lesung mit einer Kindheitsgeschichte, mit der längsten Wanderung seines Lebens. Es waren nur 30 Schritte, aber Schritte zwischen Leben und Tod. Es war Krieg, Bomben fielen auf Rüsselsheim. Das Haus, in dem der kleine Norbert mit seiner Mutter und dem jüngeren Bruder lebte, hatte einen Treffer abbekommen. Der Ausgang ins Freie war blockiert, sie mussten aus dem Keller raus. Die versperrte Eingangstür wurde von außen aufgebrochen. 30 Schritte waren es bis zum gegenüberliegenden Gelände der Opelwerke, das Sicherheit versprach. Ein langer Weg unter herunterfallenden Bomben. „Keinen Schritt davon werde ich in meinem Leben vergessen“, fasste Blüm nach der Passage zusammen.

Er gehört noch zu denen, die den Krieg erlebt haben. Jahrgang 1935 ist er. Aus dem Erlebten hat er seine Lehren gezogen: „Krieg ist das schlimmste, was uns passieren kann!“ So etwas dürfe nicht mehr vorkommen, schärfte er seinen Zuhörerinnen und Zuhörern ein. Und was zu Kriegen führt, das ist für ihn auch klar: Nationalismus, starre Grenzen. „Alle, die noch keine 73 Jahre alt sind, haben noch nie Krieg erlebt. Wann gab es das schon einmal?“, fragte Blüm in die Runde. Die Zeiten zuvor waren kriegsgeprägt, für jede Generation. Nach dem letzten Krieg seien die Grenzen in Europa immer mehr abgebaut worden, die Gemeinsamkeit betont worden.

Europa oder Nationalstaat?

„Wir stehen heute vor der Entscheidung: Europa oder Nationalstaat?“ Blüm ist bekennender Europäer, denn auf die großen Fragen der Welt gibt es nach seiner Einschätzung keine Lösungen, die im Kleinen gefunden werden. „Wenn 500 Millionen Europäer nicht zehn Millionen Flüchtlinge aufnehmen können, dann können wir hier zu machen“, verdeutlichte Blüm. Wenn die Welt die Gerechtigkeitsfrage nicht löse, und die Lebensumstände seien sehr ungerecht verteilt, gehe die Welt im Chaos unter. „Wir stürzen entweder alle ab, ober wir fliegen gemeinsam weiter. Es gibt keine nationale Rettung“, davon ist Blüm überzeugt.

Das Plädoyer in Limburg war eindeutig und klar. Er sagte es nicht böse, nicht verbittert und auch nicht hoffnungslos. Es war viel Humor dabei, wenn Blüm vorlas und aus seinem reichen Fundus an Erlebtem erzählte, zum Beispiel von dem kommunistischen Onkel Adolf, mit dem er sich stets stritt, der bei Norbert Blüm dennoch Heiligenstatus besitzt. Blüm hat viel erlebt, hat Einfluss gehabt und Bleibendes geschaffen (auf die Pflegeversicherung ist er wirklich stolz), und er hat sich keineswegs immer politisch korrekt verhalten

Einsatz für Gefolterte

Er las aus seinem Buch auch Passagen vor, die sein Eintreten für misshandelte und gefolterte Menschen vor dem chilenischen Militärdiktator Pinochet zum Thema hatten. Erfolgreich für die Menschen im Gefängnis, erfahrungsreich für Blüm, was die Reaktionen der deutschen Wirtschaft in Chile oder anschließende Diskussionen im Deutschen Bundestag angingen. Dort konnte Blüm nur deshalb dazu Stellung nehmen, da die Grünen Kontingente ihrer Redezeit an ihn abtraten, seine eigene Fraktion hatte für den vorgesehenen Schlussredner Blüm keine Sekunde mehr übriggelassen.

„Mit Ihnen würde ich sofort eine Große Koalition eingehen“, fasste Bürgermeister Hahn den Auftritt des ehemaligen Ministers (16 Jahre), langjährigen Bundestagsabgeordneten und CDU-Präsidiumsmitglieds sowie des überzeugten Katholiken zusammen.

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