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Datum: 07.08.2020

Bewegung für die Südstadt

Die Graffitis leuchten, sind sogar legal gesprüht und geben dem Komplex den Anschein, da ist Leben drin. Doch die Farbe täuscht. Die Container an der Ecke Holzheimer Straße und „Im großen Rohr“ sind verlassen, der Jugendraum ist geschlossen, denn die Container sind marode. Instandsetzung oder Ersatz ist notwendig, möglichst schnell.

Es soll für Blumenrod beziehungsweise für die ganze Südstadt ein neues Jugendzentrum geben. Das Land hat bereits finanzielle Mittel in einer Höhe von rund einer Million Euro bewilligt. Das Geld stammt aus dem Förderprogramm „Soziale Stadt“ (jetzt: Sozialer Zusammenhalt, siehe Box), mit dessen Hilfe die Lebenssituation in dem Stadtareal in den kommenden Jahren verbessert werden soll. Das künftige Jugendzentrum bezeichnete Bürgermeister Dr. Marius Hahn im Rahmen eines Standortsbesuches als ein Schlüsselprojekt. Vier bis fünf Jahre für die Standortbestimmung, die Planung und den Bau werden trotz zugesagter Förderung noch vergehen, bis das neue Zentrum steht und belebt werden kann.

So lange ohne Anlaufort für die Jugend. Das geht nicht, darüber waren sich neben Bürgermeister Hahn und der städtischen Projektbeauftragten Viktoria Spiegelberg-Kamens auch Sandra Herrmann vom mit dem Projektmanagement beauftragten Architektur- und Stadtplanungsbüro Rittmannsperger und Marcus H. Schenk (Qurban), der das Quartiersbüro in der Südstadt leitet, einig. Und sie stießen bei ihren Besuchern Lara Schüller von der Landesarbeitsgemeinschaft Soziale Brennpunkte Hessen e.V. und Christoph Graß, HA Hessen Agentur GmbH, beide zuständig in der Betreuung des Förderprogrammes Sozialer Zusammenhalt, auf durchaus offene Ohren. Lara Schüller und Christoph Grass besuchen regelmäßig die verschiedenen Projekte in Hessen, um sich über den aktuellen Stand und die Fortschritte zu informieren.

Übergangslösung ist notwendig

„Wir brauchen eine Übergangslösung, damit wir die Jugendlichen nicht komplett verlieren und dann in einigen Jahren wieder bei null anfangen müssen“, verdeutlichte Viktoria Spiegelberg-Kamens. Seit rund zwei Jahren ist der Treff geschlossen, die ohnehin nur als Provisorium gedachten Container sind zu marode. Eine in 2017 ins Auge gefasste schnelle Lösung wurde nicht gefunden. „Eine angedachte Zwischenlösung, die Container für den Übergang fit zu machen“, so Sandra  Herrmann, „schlägt mit rund 90.000 bis 100.000 Euro zu Buche.“

Eine Zwischenlösung wird auch von Christoph Graß als notwendig erachtet und sie lasse sich auch gut begründen. Daher sieht er gute Chancen, dass sie auch entsprechend finanziell gefördert wird. Die Jugendlichen in dem Quartier für einen noch längeren Zeitraum ohne Anlaufstelle zu lassen, hält Lara Schüller für schwierig, denn ohne eine solche Kontaktstelle gehe der Zugang zu ihnen verloren.

Auch mit Blick auf das künftige und neu zu bauende Zentrum hält Viktoria Spiegelberg-Kamens eine Zwischenlösung für notwendig, denn die Jugendlichen aus dem Quartier sollen sich möglichst intensiv in das Vorhaben mit einbringen: „Es nützt ja nichts, wenn wir etwas bauen, was anschließend nicht mit Leben gefüllt wird, weil es so völlig am Bedarf vorbei geht“. Die Idee für das neue Zentrum ist zwar da, der finanzielle Zuschuss auch sicher, aber der Standort ist noch nicht gefunden. Ihn zu finden ist eine wichtige Aufgabe in den kommenden Monaten, verdeutlichte Sandra Herrmann.

Nicht mehr zeitgemäß

Dass sich der Bedarf über die Jahre ändern kann, zeigt sich auch am Gemeindezentrum Blumenrod, das neben dem Jugendzentrum, dem Stadtpark und der generationenübergreifenden Sportanlage eines der Leuchtturmprojekte in den kommenden Jahren sein soll. Das Gemeindezentrum weise heute eine Raumstruktur auf, die nicht mehr zeitgemäß ist. Ob der Komplex, der auf dem Gelände der katholischen Kirche steht und von Stadt und Kirchen genutzt und betrieben wird, bedarfsgerecht und zukunftsfähig gestaltet werden kann, werde sich erst noch zeigen.

Es ist derzeit noch nicht geklärt, wie sich die urheberrechtlich geschützte Architektur des Gebäudes auswirkt. Möglicherweise kann der eingeschossige Komplex mit seiner auffallenden Dachgestaltung, eingeweiht im Jahr 1988, nicht so gestaltet werden, dass er heutigen Anforderungen nach Raumgrößen und -aufteilung erfüllen kann. Und dann ist zu überlegen, ob es nicht mit einem Neubau in der Südstadt in die Zukunft geht.

Kompliment verteilt

Der Rundgang durch einen kleinen Teil des Förderquartiers führte dann durch das „Paradies“, dem großzügigen Grünzug durch das Wohngebiet. „Großes Potential“ habe dieses Areal, machte Sandra Herrmann deutlich. Bürgermeister Hahn verwies darauf, dass es gelte, den Grünzug aufzuwerten und es der Stadt bei der weiteren Entwicklung des Wohnquartiers Blumenrod sehr darauf ankomme, den Grünzug weiter zu führen und in seiner Naherholungsfunktion auszubauen. Christoph Graß ermutigte dazu, hier Landschaftsplaner mit einzubinden, wenn es um die weitere Entwicklung gehe. „Urban gardening“ (Gärtnern in der Stadt), Ruhezonen, neue Nutzungsangebote, Einbindung des Bachlaufs mit Zugang zum Bach, interkulturelle Gärten, waren nur einige Stichworte, die beim Gang durch das „Paradies“ fielen. Und dass für die Planung und Umsetzung nicht nur Fachleute benötigt werden, sondern sich hierzu auch bürgerschaftliche Projekte anbieten, liegt auf der Hand.

„Es ist Bewegung drin. Kompliment“, fasste Christoph Graß am Ende des Standortbesuchs die Eindrücke zusammen. Er forderte dazu auf, Geduld zu haben, denn was im Rahmen des Programms angepackt, umgesetzt und erreicht werden soll, sei nicht innerhalb weniger Monate oder eines Jahres zu erreichen.  

Was in den kommenden Jahren in der Südstadt entwickelt und angestoßen werden soll, wird im Integrierten städtebaulichen Entwicklungskonzept (kurz ISEK) zusammengefasst, das quasi den Aufgabenkatalog darstellt. Dieses Konzept muss von der Limburger Stadtverordnetenversammlung noch final beschlossen werden. Erstellt wird das Konzept vom Büro Rittmannsperger.

Aus Sozialer Stadt wird Sozialer Zusammenhalt

Bisher trug das Städtebauförderprogramm die Bezeichnung „Sozial Stadt“, daraus wird nun das Programm „Sozialer Zusammenhalt“. Das Referat für Städtebau und Städtebauförderung im Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen weist darauf hin, dass gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen in manchen Stadtquartieren stärker zutage treten als in anderen und dort auf einen hohen städtebaulichen Sanierungs- und Modernisierungsbedarf treffen: Mangel an Grün- und Freiflächen und eine unzureichende soziale und kulturelle Infrastruktur. „Sozialer Zusammenhalt“ will städtebauliche Missstände beseitigen, den sozialen Zusammenhalt stärken und die Integration aller Bevölkerungsgruppen ermöglichen.

Die Gestaltung des öffentlichen Raumes, der Ausbau der sozialen Infrastruktur, die Aktivierung bürgerschaftlichen Engagements und die Entwicklung integrierter Handlungsansätze sollen die Wohn- und Lebensbedingungen der Bewohnerinnen und Bewohner in den Wohnquartieren nachhaltig verbessern.

Das Thema sozialer Zusammenhalt geht alle an: Politik und Verwaltung, Bewohnerinnen und Bewohner, Vereine, Gebäudeeigentümer, Gewerbetreibende, Schulen, Kitas und Wohnungsbauunternehmen sowie eine Vielzahl weiterer Akteure. Alle sind aufgerufen, ein Teil des Entwicklungsprozesses im Quartier zu sein. Schwerpunkte sind der Bau von Stadtteil- und Nachbarschaftszentren, Kinder- und Familienzentren, Kitas und Bildungshäuser, Beratungszentren sowie die gestalterische Aufwertung öffentlicher Plätze sowie von Sport-, Spiel-, Freizeit und Grünflächen.

Die Aktivierung und Bürgerbeteiligung im Programm „Sozialer Zusammenhalt“ großgeschrieben. Aufsuchende und innovative Beteiligungsformen, wie zum Beispiel Modellbauaktionen und Baustellentreffs, aktivieren schwer erreichbare Zielgruppen.