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9. November: Erinnern und Gedenken reichen nicht aus

190 Limburger Bürgerinnen und Bürger wurden in der Zeit zwischen 1933 und 1945 Opfer des Nationalsozialismus. Ihre Namen wurden im Rahmen einer Gedenkfeier aus Anlass der Pogromnacht am 9. November 1938 im Sitzungssaal des Rathauses verlesen.
190 Limburger Bürgerinnen und Bürger sind Opfer des Nationalsozialismus geworden. In der Gedenkfeier wurden ihre Namen verlesen.
Der menschenverachtende Terror der Nationalsozialisten ist keine Vergangenheit, die zu den Akten gelegt werden kann und darf. Das versuchte Attentat auf jüdische Gläubige in der Synagoge in Halle - der rechtsradikale Täter tötete dort wahllos zwei Menschen, da er die Tür zur Synagoge nicht überwinden konnte - war sowohl während der Gedenkveranstaltung im Rathaus als auch zuvor bei dem Gebet am Standort der ehemaligen Synagoge an der Schiede allgegenwärtig. Elena Kopirovskaja als Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Limburg forderte dazu auf, wachsam zu sein. Der Gedenktag sei nicht nur notwendig, um an das Leid der jüdischen Bevölkerung in der NS-Zeit zu erinnern, sondern auch, um für die Opfer der Shoa zu beten.

Bürgermeister Dr. Marius Hahn erinnerte in der Gedenkveranstaltung, ausgerichtet von der Stadt Limburg gemeinsam mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeitet, an die „Diktaturgewöhnung“ nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Der Terror habe sich zunächst gegen die Mitglieder der Kommunistischen Partei, anschließend gegen Vertreter anderer Parteien, dann gegen Juden und Behinderte gerichtet. „Unsagbares wurde damals plötzlich sagbar“, so Hahn. Am Ende dieser Spirale seien die Deportationszüge nach Auschwitz gerollt und die Mehrheit habe dazu geschwiegen oder mitgemacht.

Verpflichtung jedes Einzelnen

Dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe oder wegen ihres Glaubens diskriminiert oder bedroht werden, das sei auch heute leider wieder der Fall. Vor allen in den sozialen Netzwerken sei eine rechte Hetze zu finden. Worte werden zu Taten. Der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und der Attentatsversuch in Halle sind nach Hahns Einschätzung die Folgen von Hass und Hetze. Er wies auf Artikel 1 des Grundgesetzes hin: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Hahn betonte, dass es nicht allein die Verpflichtung aller staatlichen Gewalt sei, diese Würde zu schützen und zu achten, sondern die Verpflichtung jedes Einzelnen. „Es ist Zeit, dies konsequent umzusetzen“, verdeutlichte Hahn.

In der Gedenkveranstaltung, die musikalisch durch ein Streicher-Trio der Kreismusikschule (Lena Heun, Isabelle Schröder und Leonhard Kislik) begleitet wurde, mahnte Rabbiner Michael Jedwabny eine Versöhnung, einen wachsenden Ausgleich zwischen Opfern und Tätern an. Dabei verwies er auf das Versöhnungsfest Jom Kippur. Ein Fest zur Versöhnung mit Gott, aber auch zur Versöhnung des Menschen mit sich selbst und mit seinen Mitmenschen.

KZ-Nummer auf dem Arm

Sebastian Wendt, der als Lehrer die Gedenkstättenfahrten begleitet, zeigt eine von den Schülerinnen und Schülern gefertigte Gedenktafel von Max Rosenthal, der in Auschwitz ermordet wurde.
In der Veranstaltung vermittelten Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 12 der Peter-Paul-Cahensly-Schule (PPC) ihre sehr persönlichen Eindrücke von ihrer Fahrt nach Auschwitz und Krakau. Die Geschichte durch die Begegnung mit Zeitzeugen oder durch den Besuch von Tatorten wie dem Konzentrationslager Auschwitz zu erfahren, sei kaum zu ertragen gewesen: Auf Familienbilder von glücklichen Eltern mit lachenden Kindern zu blicken, die später systematisch ermordet wurden, vor einer Sammlung von Haaren zu stehen und zu wissen, dass die Frauen, zu denen sie gehörten, im KZ umkamen. Beeindruckend auch die zufällige Begegnung mit einem Zeitzeugen, der die jungen Besucher in Krakau nach ihrer Herkunft fragte und dann seinen Arm freimachte, auf dem noch seine KZ-Nummer zu lesen war.

Sebastian Wendt begleitet als Lehrer die Fahrten, die die PPC-Schule nun bereits zum vierten Mal organisiert. Nach seinen Angaben gibt es ein großes Interesse der Schülerinnen und Schüler an der Gedenkstättenfahrt und an der Auseinandersetzung mit diesem Teil der deutschen Geschichte.

Tod in Theresienstadt

Am Standort der ehemalige Synagoge erinnerten (v.l.) Bürgermeister Dr. Marius Hahn, Rabbiner Michael Jedwabny und die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Elena Kopirovskaja, an die Ereignisse am 9. November 1938 in Limburg.
Dr. Christoph Waldecker, der als Limburger Stadtarchivar auch die Stolperstein-Aktion in der Stadt betreut und dazu stets auch die Biographien der Opfer erkundet, an die erinnert wird, stellte das Schicksal des Limburger Bürgers Adolf Leopold vor. Leopold verhungerte 1943 im KZ Theresienstadt. Als Bürger war er in seiner Heimatstadt Limburg engagiert, war Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, kandidierte für einen Sitz in der Stadtverordnetenversammlung und setzte sich bis zu seinem Lebensende dafür ein, um die Bedingungen seiner jüdischen Mitbürger zu verbessern. Wie Waldecker berichtete, versuchte Leopold in die USA auszuwandern, dort lebte schon seine Tochter. Mit dem Kriegseintritt der USA in den 2. Weltkrieg und der damit verbundenen Kriegserklärung an das Deutsche Reich am 11. Dezember 1941 war dieser Fluchtweg nicht mehr möglich. Im September 1942 wurde Adolf Leopold nach Theresienstadt deportiert.

Alles schon vergessen?

„Es ist nichts abgearbeitet und es kann nichts abgehakt werden. 30 Tage nach Halle ist es Zeit, innezuhalten“, verdeutlichte Dr. Manfred Diefenbach als Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. 190 Bürgerinnen und Bürger von Limburg sind Opfer des Nationalsozialismus geworden. „Ist das schon vergessen?“, fragte Diefenbach. Doch mit Blick in den Sitzungssaal zeigte er sich durchaus überzeugt, dass er Erinnerungskultur mit Herz und Hand auch künftig möglich ist. Zahlreiche Schulen aus Limburg waren mit Schülerinnen und Schülern in der Gedenkfeier vertreten und nahmen mit dem Verlesen der Opfernamen auch aktiv teil.

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