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Warum ist die russische Fluggesellschaft Aeroflot pünktlich und kommt es bei Fluglinien der freien-westlichen Welt so oft zu Verspätungen? In Diktaturen gibt es einfach weniger zu besprechen. Der das sagt ist ein deutscher Schriftsteller. Russland und Diktatur? Darf er das sagen. Der es sagte, ist kraft eigener Definition zwar deutscher Schriftsteller, als Privatmann jedoch Russe mit Wohnsitz in der Nähe von Berlin. Also darf er das sagen. Es gab auch einen konkreten Anlass. Wladimir Kaminer kam zu spät, da sein Flugzeug in Frankfurt nicht pünktlich landete.

Wladimir Kaminer eröffnete mit einer Lesung den Limburger Lesedom. Das Interesse zum Auftakt der 15. Auflage war sehr groß, in der WERKStadt-Lounge fanden nicht alle, die gekommen waren, Platz.

Kaminer ist Schriftsteller. Ein sehr erfolgreicher. Seine Bücher (Russendisco zum Beispiel oder Meine Mutter, ihre Katze und der Staubsauger) sind Bestseller, werden verfilmt. Moderne Schriftsteller können nicht nur schreiben, Geschichten erfinden, sie sind Unterhalter, fast Kabarettisten und gewinnen ihr Publikum mit Charme und Esprit.

Das war am Donnerstagabend in der WERKStadt-Lounge live zu erleben. Mit Wladimir Kaminer startete der Limburger Lesedom dort in seine bereits 15. Auflage. Damit noch nicht genug. Der Startschuss bzw. die Auftaktlesung war zugleich auch das Startsignal für das Leseland Hessen, der landesweiten Aktion, um für Literatur zu werben.

Stadtrat Stephan Geller bezeichnete Limburg zur Eröffnung als „Kulturstadt mit außergewöhnlichen Veranstaltungen“. Dabei seien die Vereine, die sich der Kultur verschrieben hätten, zum einen tragende Stützen, der von der Stadt und der Dombibliothek ausgerichtete Lesedom jedoch ein absolutes Highlight. Geller nutzte sein Grußwort auch dazu, um sich bei allen zu entschuldigen, die die Eröffnung des Lesedoms besuchen wollten, aber keinen Platz mehr in der WERKStadt-Lounge fanden.

Die Grüße von Boris Rhein, Hessischer Minister für Wissenschaft und Kultur, überbrachte Carolina Romahn. Das Leseland Hessen mache in diesem Jahr in 37 Städten Station und verfolge das Ziel der Literaturvermittlung. Die Referatsleiterin aus dem Ministerium zeigte sich erfreut darüber, dass viele Schulen das Angebot des Leselands annehmen und somit junge Menschen mit den Schriftstellerinnen und Schriftstellern direkten Kontakt aufnehmen könnten. Das sei auch beim Lesedom der Fall, der in den Vormittagsstunden einem jungen Publikum vorbehalten sei.

Als Vertreterin der Domgemeinde hob Dr. Adelheid Rauch die enge Zusammenarbeit zwischen der Kirchengemeinde und der Stadt für die Dombibliothek hervor, deren Finanzierung vor allem von der Kommune getragen wird.

Limburg kennt man

Nach der Lesung stellte sich Wladimir Kaminer den Fragen von Moderatorin Nicole Frenken.

„Limburg kennt man – aus der Presse“, zeigte sich dann nach der offiziellen Eröffnungspart Kaminer informiert über seinen Auftrittsort. Das mit dem Bischof in dieser Stadt hatte er auch mitbekommen. Aber darum ging es nicht, sondern der Familienschriftsteller hatte sein neues Werk „Einige Dinge, die ich über meine Frau weiß“ im Gepäck.

Was er schreibt, ist oft witzig, unterhaltsam und kurzweilig. Dabei bedient er allerdings auch einige Klischees: „Schöne Frauen und schöne Dinge ziehen sich an“. Aber wenn Kaminer es in seinem unüberhörbaren russischen Akzent erzählt oder es in seine geschriebenen Sätze einknüpft, verbindet und noch vieles andere gleichzeitig oder nacheinander erzählt, dann lassen es die Zuhörer/innen oder Leser/innen durchgehen.

Und so erzählte er von neuen Handtaschen und schicken Schuhe, die gegen weibliche Herbstdepressionen helfen, von sündhaft teuren Servietten aus Portugal, die ihr Dasein nun im Schrank einer russischen Familie fristen und einmal im Jahr hervorgeholt werden, nicht um sie Gästen auf den Tisch zu legen, sondern um sich ihrer Unversehrtheit zu versichern und sie vor Gästen zu schützen und vieles mehr.

Die Familie von Kaminer umfasst jedoch nicht nur Ehefrau Olga, Mutter und Schwiegermutter, sondern auch Tochter Nicole. Und auch über sie und ihr Studium und ihre wissenschaftliche Arbeit, hat irgendetwas mit Gendern zu tun, lässt sich hervorragend schreiben. Und so gab es zum Auftakt des Limburger Lesedoms noch die Möglichkeit, sich in Geschichten von Kaminer hereinzuhören, die er noch nicht veröffentlicht hat, an denen er noch arbeitet, zum Beispiel über Kreuzfahrten, den daraus folgenden Begegnungen zwischen Touristen und Flüchtlingen auf dem Mittelmeer oder an Land.

Als Russe erkannt

Natürlich fragt er sich, warum er überall als Russe erkannt und danach gefragt wird, ob er Interesse an Pilzprodukten habe. Den mitreisenden Schwaben würde es in Griechenland nie passieren, als Russen angesprochen zu werden. Dafür sammelten diese dann die überall umherliegenden Plastikflaschen ein und verspürten den Drang, dieses Land einmal für zwei Jahre zu übernehmen, um dort endlich mal Ordnung zu schaffen.

Nach der Lesung plauderte der Schriftsteller noch mit Moderatorin Nicole Frenken über die Unterschiede und über die Möglichkeiten einer Annäherung zwischen der EU und Russlands, über Kaminers Fähigkeiten als Vermittler und über die großen Unterschiede zwischen den Russen und den Deutschen. Die bestehen zum Beispiel bei den Klößen. Deutsche mögen keine Überraschungen, deshalb sind ihre Klöße ungefüllt. Die russischen Klöße sind immer gefüllt. Aber mit was?

Das weitere Programm

Der dreitägige Literaturfest Lesedom bietet am Samstag, 23. September, noch folgende Veranstaltungen in der WERKStadt-Lounge:

11 Uhr: „Der Kaffeedieb“ von und mit Tom Hillenbrand
1683. Europa befindet sich im Griff einer neuen Droge. Ihr Name ist Kahve. Sie ist immens begehrt – und teuer, denn die Osmanen haben das Monopol darauf. Und sie wachen streng darüber. Aber ein junger Engländer hat einen waghalsigen Plan: Er will den Türken die Kaffeebohnen abluchsen … Ein großartiger Roman, der mit einer gratis Kaffeeverkostung abgerundet wird.

15 Uhr: Stadtspaziergang mit Martina Hartmann-Menz
Der Rundgang führt zu authentischen Schauplätzen aus den Werken „Geschichte und Beschreibung des Lahnthal´s“ und „Im Hause meines Großvaters“ der Autorinnen Katharina Schweitzer-Henninger und Margot Benary-Isbert.

18 Uhr: „Der Geisterzug, die Nazis und die Résistance“ von und mit Gerhard Bökel
Nach zahlreichen wichtigen Publikationen zum Holocaust ist dieses Buch eine notwendige Ergänzung: Die Nazis haben nicht nur Millionen aus rassistischen, sondern auch Zehntausende aus politischen Gründen ermordet.

19:30 Uhr: „Vernunft und Gefühl“ – Dennis Scheck liest Jane Austen
Jane Austen starb vor 200 Jahren, doch ihre Werke werden inniger geliebt denn je. Schließlich weiß bis heute niemand klüger über die komplizierten Herzensangelegenheiten zwischen Männern und Frauen zu schreiben als die scharfsinnige Britin. In ihrem Roman «Vernunft und Gefühl» verhandelt sie so unterhaltsam wie erhellend die Suche nach dem Menschen fürs Leben.

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