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"Hans-im-Glück-Preis" geht an Lea-Lina Oppermann

Lea-Lina Oppermann
© Jana Schoop

Für den „Hans-im-Glück-Preis der Kreisstadt Limburg a. d. Lahn 2016“ wurden 89 Bücher oder Manuskripte von Verlagen und Autorinnen und Autoren eingereicht. Der Preis wurde Lea-Lina Oppermann für ihr Manuskript „Die Wahrheit und wir“ zugesprochen. Die Preisverleihung mit anschließender Lesung findet am Donnerstag, 6. Oktober um 11:30 Uhr wird in der WerkStadt Lounge (Bahnhofsplatz 2, 65549 Limburg a. d. Lahn) statt.

Begründung der Jury

Ein Kammerspiel: zwei Dutzend Schüler, ein Lehrer und eine unbekannte Person mit Pistole in einem abgeschlossenen Klassenraum. Drei Stunden Angst und Ungewissheit, in denen die Fassaden bröckeln, Konflikte offenbar und unangenehme Wahrheiten ausgesprochen werden. Mit "Wunschzetteln" fordert der Bewaffnete zu Handlungen auf: Der Lehrer soll der Lieblingsschülerin ins Gesicht spucken, die beiden Mitläufer müssen die Kleider tauschen, ihre beste Freundin muss der Narzisstin die langen Haare abschneiden, die angefangene Doktorarbeit des Lehrers, der seine Schüler kaum wahrnimmt, samt Laptop zerstört. Die Schüler werden fortwährend zu Tätern, der Begriff Freundschaft harten Proben unterzogen und die Masken fallen. Die Schande des Vorteilssuchers wird offenbar, wenn er seine Tasche mit gestohlenen Gegenständen seiner Klassenkameraden ausleert, ebenso die Anorexie der hart über alle anderen urteilenden Selbstgerechten, die nun einen Big Mäc essen muss. Erzählt wird aus drei Perspektiven, der Mitschüler Fiona und Mark wie die des Mathelehrers, der Leser ist so unmittelbar beteiligt, dass er sich selten in die Rolle des distanzierten Beobachters zurückziehen kann. Fiona wird die Katharsis bewusst, wenn sie den Blender Sylvester küssen soll: Nichts bleibt mehr von dem Typ, den sie angehimmelt hat zurück. Aber die Liste der entlarvenden Grausamkeiten wird ähnlich wie in Janne Tellers "Nichts" brutaler, wenn die Schüler die Hand der Lügenkönigin Alice ins Feuer legen sollen, wenn das Klassenskelett Hugo zerstört werden muss und nach dieser Forderung "Hugo muss sterben" die nächste im Raum steht: Der mitleidlose Schönling Sylvester soll sterben. Mehr und mehr dämmert den Schülern, dass die bewaffnete Person eine sein muss, die sie kennt, besser als sie sich selbst. Man könnte es Rache nennen, aber wie eine Dürrenmattsche Claire Zachanassian fordert sie Einsichten: "Ich will Gerechtigkeit. Wenigstens drei Stunden lang." Wie diese Geschichte endet, sei an dieser Stelle nicht verraten, aber für alle Beteiligten wird nichts mehr so sein wie vorher: Die Anklage, dass keiner der Schüler den anderen wirklich wahrnimmt, der Vorwurf, dass sie sich das Leben permanent zu ihrem Vorteil zurechtrücken, wiegt zu schwer.

Lea-Lina Oppermann ist eine überzeugende und die unterschiedlichen Perspektiven stimmig einsetzende Erzählung gelungen. Deshalb freut sich die Jury sehr, diesmal ein eingereichtes Manuskript einer noch jungen Autorin mit dem Hans im Glück-Preis der Stadt Limburg auszeichnen zu können.

Die Plätze zwei bis fünf

Platz 2
Katrin Zipse, „Die Quersumme von Liebe“
Magellan GmbH & Co.KG 

Platz 3
Christoph Scheuring, „Echt“
Magellan GmbH & Co.KG
und
Franziska Moll, „Egal wohin“
Loewe Verlag GmbH 

Platz 5
Peer Martin, „Sommer unter schwarzen Flügeln“
Verlag Friedrich Oetinger GmbH

Die Wahrheit und wir

Ein Amokläufer hält eine Schulklasse für wenige Stunden in Schach. Nach und nach müssen der Lehrer und die Klasse 10 Briefe öffnen, in denen Aufträge enthalten sind. Auf diese Weise übt der Amokläufer Vergeltung, denn er scheint die Schwächen und Geheimnisse der Klasse bestens zu kennen. Während die Polizei ihren Einsatz vorbereitet, nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung…

Lea-Lina Oppermann

wurde am 1. April 1998 in Berlin geboren, wohnt aber seit Jahren in Hennef (NRW). Geschichten zu hören, zu lesen und zu erleben hat sie dazu gebracht, selbst mit dem Erzählen anzufangen – in Wort, Ton und Schauspiel. Am liebsten ist ihr aber das Wort.

„Die Wahrheit und wir“, ist Oppermanns erster Jugendroman. Zuvor schrieb sie vor allem Kurzgeschichten und Sprechtexte für ihre zweite große Leidenschaft, den Naturfilm. 

Von 2013 bis 2015 spielte Oppermann im Musical „Die Chroniken von Narnia“, die Rolle der Susan am Jungen Theater Bonn. 

2014 besuchte Oppermann als Schülerstudentin ein „Kreatives Schreiben Seminar“ an der Uni Bonn und ist seitdem Mitglied in der dortigen Schreibgruppe. 

Seit Februar 2015 ist sie außerdem als Autorin auf der Online Plattform Oetinger34 unterwegs, wo sie in Zusammenarbeit mit Lektorinnen und Illustratoren mehrere Kinderbücher gestaltet. 

Oppermann plant ein Studium im Fach Sprechkunst zu absolvieren.

Preise/Auszeichnungen

2014 gewann Oppermann den THEO Berlin-Brandenburgischer Preis für junge Literatur und den Förderpreis des Treffens Junger Autoren mit ihrer Kurzgeschichte „Remis“.

Publikation

Veröffentlichung der Kurzgeschichte „Remis“, in der Anthologie des THEO (2014)

Veröffentlichung der Kurzgeschichte „Eine Droge namens Freundschaft“, in der Anthologie des Kurgeschichtenwettbewerbs Siegburg

Veröffentlichung eines Kurzkrimis „Angstfutter – Anthologie der 20 besten Kurzkrimis im Rahmen der Crime Cologne“, dreizehn/achtzehn Verlag

Die Jury

Jutta Bummel, Buchhändlerin,

Gabriele Fachinger, Bibliothekarin,

Jutta Golz, Bibliothekarin,

Dr. Stefan Hauck, Fachredakteur beim Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel

Ralf Schweikart, M. A., Redakteur und freier Journalist.