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Vor 50 Jahren, in den frühen Morgenstunden des 25. Juli 1966, erschütterte der bislang schwerste Verkehrsunfall den Raum Limburg. Ein Bus aus Belgien mit 43 Menschen an Bord stürzte bei Brechen von der Autobahnbrücke die Böschung hinab. 34 Tote waren zu beklagen, zumeist Kinder.

Von Stadtarchivar Dr. Christoph Waldecker

Der verunglückte Bus: 44 Personen waren mit ihm unterwegs in Richtung Heimat, 34 starben durch den Sturz des Busses von der Brücke. Foto: NNP-Archiv

Begonnen hatte es als eine fröhliche Ferienfahrt in Tirol. Am Nachmittag des 24. Juli machten sich die 38 Kinder und ihre Begleiter auf die Heimfahrt. Kurz nach 5 Uhr morgens passierte es dann: Der Bus stürzte von der Autobahn auf die Straße zwischen Niederbrechen und Werschau. Ursache war vermutlich die Übermüdung des Fahrers.

Als die ersten Helfer eintrafen – meist Pendler aus den umliegenden Orten auf dem Weg zur Arbeit – bot sich ihnen ein Bild des Grauens. Der Bus sah aus – wie es in einem Presseartikel hieß – wie von einer Schrottpresse ausgeworfen. Aus dem Inneren drang das Wimmern der Verletzten. Noch bevor die Feuerwehr eintraf, versuchten 25 Männer, den Bus wieder aufzurichten. 15 Minuten nach dem Unfall wurde in Niederbrechen Sirenenalarm gegeben. Die eintreffenden Feuerwehrleute versuchten, Überlebende aus dem Wrack zu bergen, bis die Polizei dies aus Sicherheitsbedenken unterband und anordnete, auf einen Kranwagen zu warten. Die Feuerwehrleute, Rot-Kreuz-Sanitäter, Bundeswehrsoldaten und sonstigen Helfer waren angesichts der großen Zahl der Verunglückten und der Tatsache, dass es sich zumeist um Kinder handelte, einer schweren psychischen Belastung ausgesetzt. Das hinderte sie aber nicht daran, nach Überlebenden zu suchen und die Toten zu bergen.

Zehn Überlebende

Zu denen, die unter den Ersthelfen am Unglücksort waren gehörten auch Pfarrer Karl Bernhard und Kaplan Hermann-Josef Schwickert aus Niederbrechen sowie Abbe Nicolas aus dem französischen Lens, der sich mit einer Jugendgruppe im Ort aufhielt. Die drei Geistlichen versuchten, den Sterbenden beizustehen und spendeten die Sakramente. Nachdem die Verletzten abtransportiert waren, beteten sie mit den Helfern für die Toten.

Die erste Bilanz ergab, dass 17 Menschen noch am Unfallort ums Leben gekommen waren, weitere starben während des Transportes oder in den Krankenhäusern Limburg, Diez und Hadamar. Schließlich überlebten nur zehn Kinder, von denen sieben noch einen Monat später in den Krankenhäusern liegen mussten.

Zu den 33 tödlich verletzten Belgiern kam ein weiterer Toter, der 20-jährige Bundeswehrsoldat Johann Weyermann aus Kreuzau/Kreis Düren. An der unfallbedingten Absperrung kam ein Pkw aus Richtung Frankfurt ins Schleudern, durchbrach die Planken und kam auf die Gegenfahrbahn, wo er das Auto des Soldaten erfasste. Dieser war sofort tot.

Noch am Vormittag ordnete Landrat Heinz Wolf Trauerbeflaggung an allen öffentlichen Gebäuden des Kreises an. Er und Limburgs Bürgermeister Josef Kohlmaier ließen die Pausenhalle der Tilemannschule für die Aufbahrung der Toten herrichten.

Welle der Hilfsbereitschaft

Ein Blick auf die Unglücksstätte: Der Bus war von der Autobahnbrücke abgekommen und auf die Straße gestürzt. Vermutlich war der Fahrer übermüdet. Foto: NNP-Archiv

Das Unglück löste eine große Welle der Hilfsbereitschaft aus. Mitarbeiter der Limburger Stadtverwaltung blieben bis tief in die Nacht in ihren Büros, für die am Nachmittag eintreffenden Angehörigen der Opfer wurden Unterkünfte organisiert. Firmen und Privatpersonen spendeten Geld für die überlebenden Kinder und die Angehörigen der Toten. Auch wurden Süßigkeiten gestiftet, die den Verletzten ins Krankenhaus gebracht werden sollten.

Am 26. Juli fand ein Gottesdienst im Dom statt. Am Nachmittag wurde eine Trauerfeier in der Tilemannschule abgehalten. Dabei sprachen Landrat und Bürgermeister in Anwesenheit des hessischen Arbeitsministers Heinrich Hemsath, Bundesfamilienministers Bruno Heck, des belgischen Erziehungsministers Michel Touissant und des Botschafters Walter Loridan und legten Blumen nieder. Hunderte Menschen nahmen in und vor der Schule an der Feier teil. Im Anschluss wurden die Särge in Ambulanzwagen der belgischen Armee verladen und nach Brüssel gebracht. Die zurückreisenden Angehörigen wurden von König Baudouin empfangen, der ihnen sein Beileid aussprach. Im Königlichen Athenäum von Etterbeek wurden die Särge nochmals aufgebahrt und nach einer Trauerfeier den Familien übergeben.

Am 10. August wurde der Fonds Marc et Myriam Schots gegründet, benannt nach zwei Kindern, die bei der Buskatastrophe starben. Ziel des Fonds war es, den Familien zu helfen, deren Kinder bei Straßenunfällen verletzt oder getötet wurden.

Dank aus Belgien

Ein Jahr später kamen fünf der zehn Kinder, die das Unglück überlebt hatten, zu einem Ferienaufenthalt nach Hausen ( Waldbrunn). Ermöglicht wurde dies durch eine Spende der dortigen Gemeindevertretung, der Kreissparkasse, des Rotary-Clubs und weiterer Zuwendungen aus der Bevölkerung. Bei dieser Gelegenheit besuchten die Jungen Marc, Ronald, Michel, Roland und Pierre auch die Ärzte und Schwestern des St. Vincenz-Hospitals, die sie im Jahr zuvor medizinisch versorgt hatten.

Am 25. Juli 1967, genau ein Jahr nach dem Unglück, wurde am Limburger Rathaus eine Gedenktafel angebracht, gestiftet von den Angehörigen der Opfer. Am gleichen Tag wurde an der Unfallstelle in Niederbrechen ein Gedenkstein eingeweiht. Am 30. Juli 1967 fanden ein Gottesdienst in Anwesenheit der Eltern der Verunglückten, der fünf in Hausen weilenden Jungen, Behördenvertretern und rund 1000 Menschen aus der Region in Niederbrechen und eine Gedenkfeier in Limburg statt.

Von belgischer Seite wurde der Bevölkerung und den Behörden in Limburg und Niederbrechen in vielfältiger Weise gedankt. Bereits im August 1966 wurden an 26 Personen, die am Unfallort bei der Bergung der Toten und Verletzten geholfen hatten, im Auftrag König Baudouins Orden verliehen. Auch zahlreiche Behördenvertreter wurden ausgezeichnet.

Große Hilfsbereitschaft

Das Dach des Busses ist komplett eingedrückt. Die Bergung des schweren Fahrzeugs gestaltete sich sehr komplziert, da es an Gerät fehlte, um es anzuheben. Foto: NNP-Archiv

Die große Hilfsbereitschaft der Bevölkerung und die gute Organisation durch die Behörden wurden überall anerkannt. In belgischen Zeitungen war zu lesen, „daß Limburg alles getan hat, was menschlich möglich war, um unseren Landsleuten in ihrem Unglück zu helfen.“ Zahlreiche Einwohner stellten den Angehörigen der Unfallopfer ihre Autos zur Verfügung, die Stadtverwaltung sorgte „mit einem Sinn für Organisation, der ihr Ehre macht“ für Unterkünfte und Verpflegung. Auch wurden die Kosten für Telefongespräche nach Belgien übernommen. „Limburg ist nicht mehr nur gleichbedeutend mit einer schrecklichen Katastrophe, es ist auch ein Name, der tiefe Gefühle menschlicher Solidarität ausdrückt. Limburg hat mit uns getrauert, und deshalb werden wir der Stadt beim Passieren der Autobahn künftig einen herzlichen und vertrauten Gruß zurufen“. Belgiens König Baudouin sandte ein Danktelegramm an den hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn.

Bei der Stadtverwaltung gingen viele Schreiben ein, vor allem von Angehörigen der Opfer, in denen sie sich für die Hilfe und den Beistand bedankten. Bürgermeister Kohlmaier antwortete stets mit dem Hinweis, dass dies ein selbstverständliches Gebot der Menschlichkeit gewesen sei. Als ein Jahr später von belgischer Seite der Wunsch geäußert wurde, nochmals alle beteiligten Helfer mit einer Medaille auszuzeichnen, lehnten dies sowohl Kohlmaier als auch Landrat Heinz Wolf ab. „Denn uns allen war die spontane Hilfeleistung ein Akt selbstverständlicher Pflichterfüllung. Mit weiteren Ehrungen und Dankbarkeitsbezeugungen kämen wir uns beschämt vor,“ schrieb 1. Beigeordneter Willi Jakobi an den Vorsitzenden des SABENA-Personalrates, der den Vorschlag unterbreitet hatte. Dies unterstrich auch noch einmal Bürgermeister Kohlmaier in einem Schreiben an den Dienstchef des Belgischen Roten Kreuzes im Januar 1969: „Ich möchte Ihnen sagen, daß ich mich sehr gefreut habe, daß Sie heute noch an uns denken, betone aber besonders, daß Sie uns keinen Dank mehr schulden für unsere damalige Hilfe, die nicht mehr als die Erfüllung unserer Pflicht gewesen ist.“

Die Opfer

Diese Plakette am Limburger Rathaus erinnert an das Unglück und die Opfer.

Von den Insassen des Reisebusses starben: Elisabeth Barbé (24 Jahre), Catherine Benedi (12), Anny Britte (16), Louiza Danis (54), Paul De Bilde (22), Léopold De Ceuster (57), Paul Cuypers (17), Michel De Wals (13), Francis Dehaeseleer (13), Michel Del Missier (16), Jean Dupont (12), Claudine Feltesse (12), Simonne Forton (15), Georges Malengreaux (13), Omer Marot (38), Raphael Matèrne (31), Claudine Mertens (15), Claude-Louis Mertens (17), Henriette Moerenhout (14), Marc Schots (17), Myriam Schots (12), Christine Tremouroux (13), Roland Trigano (13), Mireille Trigano (15), Charles Van Cutsem (15), Josiane Van De Zavel (14), Christian Van Den Dorpe (13), Christian Van den Steen (18), Felix Van Doornick (13), Christian Vanderhoeven (15), Sophie Van Messem (56), Claudine Vanneste (17) und Cecile Wantz (13). Außerdem starb durch einen weiteren Unfall Johann Weyermann (20).