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Verfolgung, Flucht, Tod und Erinnerung

Ihre Großmutter Else Regina Fassbender hat Gwenda Meredith nie kennengelernt. Es gibt ein eindrucksvolles Zeugnis von ihr. Es ist ein Brief an die deutschen Behörden, in dem sie um Erlaubnis bittet, ihren drei Kindern, die nach England geflohen waren, Kleidungsstücke zu schicken. Eines der Kinder war Lotte, die Mutter von Gwenda Meredith, die im Sitzungssaal des Limburger Rathauses vom Schicksal ihrer Vorfahren berichtete. Anlass war die Gedenkfeier an die Pogrome vom 9. und 10. November 1938.

Bürgerinnen und Bürger aus der Stadt verlasen während der Gedenkveranstaltung die Namen von 178 Frauen, Männern und Kindern, die Opfer des NS-Regimes geworden waren.

Eingeladen zu der Feier hatten die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und die Stadt Limburg, 178 Frauen, Männer und Kinder aus der Stadt sind Opfer des NS-Regimes geworden, wie Stadtarchivar Dr. Christoph Waldecker zu Beginn erläuterte. Mit dem Verlesen der Namen der Opfer durch Bürgerinnen und Bürger der Stadt endete die Gedenkfeier im Rathaus, die anschließend mit dem Kaddisch, dem Totengebet der Juden gesprochen durch Rabbiner Zeev-Wolf Rubins an dem ehemaligen Standort der Limburger Synagoge an der Schiede fortgesetzt wurde.

Else Regina Fassbender ist eines der 178 Opfer, 1942 wurde sie im Zwangsarbeitslager Trawniki ermordet. Ihre Kinder waren in Sicherheit, in England. Der Sohn war nach seiner Bar Mizwa zunächst zu seinem Onkel Otto geflohen, 1939 folgten dann die Mädchen Lotte und Senta. Der Kindertransport war die letzte Rettung für die beiden Jugendlichen, die mit ihrer Mutter zuvor schon von Limburg nach Frankfurt umgezogen waren.

Gern an Limburg erinnert

„Meine Mutter hat sich immer gern an Limburg erinnert und vor allem an das Schwimmen in der Lahn“, erzählte ihre Tochter Gwenda Meredith. In den Erzählungen der Mutter wurde der Großvater besucht, der am Fischmarkt wohnte. Es waren stets belegte und positive Erinnerungen der Mutter, so ihre Tochter in der Gedenkveranstaltung, die durch ein Streicher-Trio der Kreismusikschule begleitet wurde. Doch nie habe ihre Mutter darüber gesprochen wie es war, Limburg verlassen zu müssen, wie sie die Trennung von ihrem Bruder Lothar erlebte. Und später, im März 1939, musste sie sogar noch ihre Mutter verlassen.

Lotte Fassbender hat in ihrer neuen Heimat ihren Weg gemacht, wie die Tochter in der Gedenkveranstaltung berichtete. Sie hat einen Mann kennengelernt, geheiratet, einen Friseursalon eröffnet, hat sich weitergebildet und ist an ihrem Wohnort London sehr stark in die soziale Arbeit eingestiegen. Dafür erhielt sich im Jahr 1995 die Auszeichnung „Member of British Empire“. Dass sie über ihre Familie in Limburg sprechen durfte, dafür zeigte sich Gwenda Meredith im Limburger Rathaus sehr dankbar. Nicht nur mit Worten, auch mit einem Stück auf der Geige gab sie ihren Gefühlen Ausdruck.

Ermordet in Hadamar

Gwenda Meredith erinnerte in der Veranstaltung an ihre ermordete Großmutter Else Regina Fassbender und an ihre Mutter Lotte, die nach England fliehen musste. Ihre Gefühle übermittelte Gwenda Meredith auch musikalisch.

Nicht nur die jüdischen Bürger sind Opfer der Nationalsozialisten gewesen, auch behinderte Menschen wurden ermordet. Waldecker erinnerte an Karl-Heinz Grill, der bei seiner Geburt 1913 in Limburg die Schädeldecke eingedrückt bekam. Im St. Vincenzstift zeigt er später auffälliges gärtnerisches und musikalisches Talent. Doch sein Leben wurde als nicht lebenswert erachtet. Zunächst wurde er sterilisiert, dann im Kalmenhof in Idstein aufgenommen und schließlich am 11. März 1941 in Hadamar ermordet. An Grill wie auch an Else Regina Fassbender erinnern Stolpersteine.

Christa Pullmann erinnerte auch noch einmal an Lothar Lee Liebmann, der als junger Mann aus Limburg fliehen musste, später immer wieder seine Heimatstadt besuchte und im vergangenen Jahr verstarb. Im Frühjahr dieses Jahres waren sein Sohn Lenny und weitere Mitglieder der Familie zu Besuch in Limburg. Dabei habe Lenny Liebmann in einer beeindruckenden Rede davon gesprochen, wie sein Vater nach der Flucht, nach dem Grauen wieder nach Limburg zurückgekehrt sei. Und die Stadt habe ihn als zurückgekehrten Sohn empfangen und ihm seine Ehre zurückgegeben, die ihm vor und mit seiner Flucht geraubt worden war.

Stimme erheben

„Gerade das Wissen um die historische Entwicklung von 1933 bis 1945 und ihre grausamen Erlebnisse machen es heute zur Pflicht, unsere Stimme gegen jede Form der Diskriminierung, Bedrohung und Verfolgung zu erheben“, machte Waldecker deutlich. In einer Zeit, in der braunes Gedankengut immer öfter schamlos geäußert werde „und mit der Verächtlichmachung von Menschen Wählerstimmen gewonnen werden, sind wir es den Opfern der Nazi-Zeit schuldig, uns entschieden entgegenzustellen“, forderte Waldecker die Anwesenden, unter ihnen Stadtverordnetenvorsteher Michael Köberle, auf.

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