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Den Opfern einen Namen geben

Am 5. November 2013 sind die ersten Stolpersteine in Limburg verlegt worden, die an Opfer des NS-Regimes erinnern. Inzwischen ist die Zahl der Stolpersteine auf 85 angewachsen. Der Limburger Stadtarchivar Dr. Christoph Waldecker betreut die Stolpersteinaktion und stößt auf immer neue Opfer. Ein Gespräch mit ihm.

85 Stolpersteine hat der Künstler Gunter Demnig bereits in Limburg. Jeder Stein erinnert an ein Opfer der Nationalsozialisten.

Über 70 Jahre sind nun seit dem Ende des NS-Regimes vergangen. Was macht es für einen Sinn, in diesem Umfang an die Opfer zu gedenken?

Dr. Christoph Waldecker: Viele Opfer der Nationalsozialisten waren bisher namenlos. Mit den Stolpersteinen, den darauf befindlichen biografischen Daten sowie der vorbereitenden Recherche erhalten die Opfer ihre Identität zurück. Sie treten aus der Namenlosigkeit hervor und begegnen uns mit Vor- und Nachnamen, mit Geburts- und Todesdatum, auch mit dem Ort ihres Todes. Und sie begegnen uns dort, wo sie ihren letzten frei gewählten Wohnort hatten, sie begegnen uns somit als Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt.

Die Stadt setzt die Aktion sehr konsequent um, die Zustimmung der heutigen Hauseigentümer ist nicht notwendig, um die Steine auf den Bürgersteigen oder den Straßen zu platzieren.

Waldecker: Das ist richtig. Aber es gibt keine negativen Rückmeldungen von Hauseigentümern, die von uns vorab über die Verlegung von Stolpersteinen informiert werden. Wenn es an anderen Orten einmal Unmut gab, dann deshalb, weil die Information nicht frühzeitig genug ankam. Wenn Reaktionen uns gegenüber geäußert wurden, dann waren sie meist positiv. Es gab sogar Fälle, in denen spontan die Kosten für die Steine übernommen wurden.

Zahl der Opfer steigt

Gab es am Anfang der Stolpersteinaktion klare Vorstellungen darüber, wie viele Opfer es in Limburg und seinen Stadtteilen gegeben hat?

Waldecker: Ich bin ohne konkrete Vorstellungen an die Aufgabe herangegangen, es gab am Anfang ja nur einen Prüfauftrag mit der Aufgabe, eine Entscheidung der Stadtverordnetenversammlung vorzubereiten. In dieser Phase bin ich davon ausgegangen, dass es etwa 70 NS-Opfer in der Stadt gegeben hat.

Jetzt erinnern schon 85 Steine an 85 Opfer. Wird es noch mehr geben?

Waldecker: Es hat sich im Rahmen der Recherchen schnell herausgestellt, dass es mehr Opfer gegeben hat. Nach dem jetzigen Stand wird es etwa 115 Stolpersteine geben. Es können aber auch noch mehr werden, denn es sind noch nicht alle Akten gesichtet. Und vor allem im Bereich der Opfer der sogenannten Euthanasie wird es noch neue Erkenntnisse geben. Wir wissen zwar viel über das Töten von Behinderten durch die Nazis unter anderem in Hadamar, aber wir wissen wenig über die Opfer.

Todesort Hartheim

Gibt es Hinweise, auf die Sie während ihrer Nachforschungen gestoßen sind?

Waldecker: Ich bin bei der Durchsicht der Geburtsregister häufig auf den nachgetragenen Todesort Hartheim gestoßen, das ist bei Linz in Österreich. Dort befand sich eine ähnliche Tötungseinrichtung wie in Hadamar. Nach den ersten Hinweisen bin ich das Geburtsregister ab dem Jahr 1874 ganz akribisch durchgegangen.

Aber Hartheim ist für damalige Verhältnisse doch weit entfernt gewesen?

Waldecker: Das war auch nicht der Todesort, aber die Behörden haben Hartheim den Angehörigen mitgeteilt und auch in die Akten übernommen. Tatsächlich wurden die Opfer aus Limburg in Hadamar ermordet. Meist ist das offiziell verkündete Todesdatum auch falsch, die Menschen waren bereits rund zwei Wochen zuvor ermordet worden. Für die Frist zwischen dem tatsächlichen Todestag und dem gemeldeten Todesdatum wurden noch Krankenkassenbeiträge kassiert.

Den falschen Sender gehört

Frauen und Männer aus unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen sind Opfer der Nazis geworden. Trifft das auch auf Limburg zu?

Waldecker: Das ist auch in Limburg der Fall gewesen. Die jüdischen Bürger sind mit Abstand die größte Opfergruppe. Frauen und Männer sind in den KZs ermordet worden, starben in der Haft oder nahmen sich das Leben. Wir haben aber auch die politischen Opfer wie Josef Ludwig und Hans Wolf. Wir haben religiöse Opfer zum Beispiel mit Angehörigen des Pallottinerordens, es gibt die behinderten Menschen als Opfer der sogenannten Euthanasie-Aktion und wir haben nach bisheriger Erkenntnis zwei Männer, die wegen Fahnenflucht erschossen worden. Und dann gibt es noch Opfer, die nach der Definition das Nationalsozialisten Verbrechen begangen haben.

Was heißt das?

Waldecker: Da gibt es zum Beispiel das sogenannte Rundfunkverbrechen. Oskar Billion aus der Fleischgasse ist deswegen im November 1943 verhaftet, zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Er soll ausländische Sender gehört und sich beim gemeinsamen Hören einer deutschen Nachrichtensendung abfällig über den Inhalt geäußert haben.

Neue Stolpersteine kommen

Wie geht es nun weiter?

Waldecker: Die Nachforschungen nach weiteren Opfern geht weiter. Manchmal finden sich durch Zufall Hinweise, Auf Billion bin ich zum Beispiel nicht in Limburger Akten, sondern im Hauptstaatsarchiv gestoßen. Dort gab es eine Auflistung mit NS-Opfern, auf der er aufgeführt war. Die Forschungsarbeit wird noch lange nicht abgeschlossen sein. Und im kommenden Jahr ist eine erneute Verlegung von Stolpersteinen vorgesehen.

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